Costa Concordia: Arge Fehler bei Evakuierung
16.01.2012 16:29
Doch nicht nur das Auflaufen auf einen Felsen vor der Küste der mittelitalienischen Insel Giglio wird Gegenstand intensiver Untersuchungen sein, sondern auch grobe Missstände der Evakuierung, die Mitschuld am Tod von fünf Passagieren haben dürfte. Zu diesem Schluss kommen Experten für Schiffssicherheit gegenüber pressetext.
Der 114 .000 Bruttoregistriertonnen (BRT) große Luxusliner hielt am Freitagabend aus bisher noch ungeklärten Gründen einen zu engen Kurs mit der Küste und schrammte dabei einen Felsen. Der Rumpf riss auf einer Länge von fast 70 Metern, worauf das Schiff kenterte und derzeit nur noch mit der Backbordseite sowie mit Aufbauten aus dem Wasser ragt. Fast alle der 3.000 Touristen und 1.000 Besatzungsmitglieder wurden gerettet, fünf starben jedoch - teils nach dem Ausbruch von Panik und Selbstrettungsversuchen. 15 Personen werden derzeit noch vermisst.
Katastrophale Rettung
Der Kapitän Francesco Schettino wird sich außer für den
haarsträubenden Kurs seines Schiffes auch für die schlechte Evakuierung
verantworten müssen, betont Dirk Sedlacek, Leiter des Instituts für
Sicherheitstechnik und Schiffssicherheit www.schiffssicherheit.de
, im pressetext-Interview.
"Grundsätzlich gilt bei Schiffsunglücken die
Regel, dass die Reisenden und die Besatzung innerhalb von 60 Minuten
von Bord gehen müssen.
Bei derartigen Schiffsgrößen ist dies schwierig,
weshalb man oft versucht, den nächsten Hafen aus eigener Kraft zu
erreichen. Der Kapitän hätte gleich wissen müssen, dass dies nicht
möglich war, da mehr als zwei wasserdichte Abteilungen überflutet
waren."
Aufgrund der enormen Schiffsgröße bezeichnet es
Sedlacek als "nachvollziehbar", dass an Bord Unruhe und Panik ausbrach.
"Schließlich fehlte es auch an Booten und Flößen zur Rettung. Normal
können diese 125 Prozent der an Bord befindlichen Menschen aufnehmen,
doch sobald ein Schiff mehr als 20 Grad Schlagseite bekommt, kann die
Hälfte der Rettungsmittel nicht mehr zu Wasser gelassen werden."
Druck auf Personal wächst
Grundproblem der heutigen Schiffsbesatzungen ist es,
dass sie den Notfall meist nur aus Simulationen kennen. Die Vorbereitung
für den Ernstfall ist gut, betont der Schiffsicherheits-Experte.
"Mindestens alle fünf Jahre machen die Schiffsoffiziere und
Besatzungsmitglieder, die für die Evakuierung verantwortlich sind,
zusätzlich zu laufenden Schulungen ein dreitägiges Notfalltraining nach
internationalen Vorschriften. Künftig dürfte jedoch noch mehr Druck auf
die Qualifizierung und Ausbildung des Personals liegen", vermutet
Sedlacek.
Kreuzfahrten sind sicher
Vertreter der Branche, glauben nicht an einen
Buchungseinbruch im boomenden Kreuzfahrt-Geschäft. "Die Kreuzfahrt hat
über 90 Mio. Touristen jährlich, und Unfälle gibt es kaum. Sie gehört
damit zu den sichersten Reiseformen überhaupt, was es nun stärker zu
vermitteln gilt", urteilt Manfred Jägersberger-Greul, Geschäftsführer
von Caravelle Seereisen www.caravelle.at
, auf pressetext-Anfrage. Eine "rasche, lückenlose Aufklärung" sei
nicht nur im Interesse des Schiffsbetreibers Costa und der
Versicherungen, sondern auch der gesamten Branche.
Eine Einschätzung, die auch Hansjörg Kunze, Vice President Marketing & Communication der Aida Cruises www.aida.de
, teilt. Aida ist als Tochter der Carnival Corp. die deutsche Schwester
der italienischen Costa-Reihe.
"Vorerst muss man mit ganzer Kraft vor
Ort handeln und die Folgen des Unglücks vor allem für die Reisenden und
die Schiffsbesatzung minimieren. An Bord gelten höchste
Sicherheitsstandards. Welche Konsequenzen die Branche in die Wege
leitet, entscheidet sich erst nach genauer Klärung des Hergangs", so der
Experte gegenüber pressetext.
Kein Unterwassermuseum
Über das weitere Schicksal der Costa Concordia gibt es
bisher nur Spekulationen. Versucht wird derzeit, die 2.400 Tonnen
Dieselöl im Schiffstank abzupumpen, um eine Umweltkatastrophe zu
verhindern. Die Chancen auf die Hebung des Schiffes stehen schlecht.
"Es
ist mit seinen 291 Metern zu groß, und auch ein Abdichten ist wegen der
Größe des Lecks kaum möglich", so Sedlacek. Gelingt das Stabilisieren
nicht, dürfte der Luxusliner auf tiefere Gewässer abrutschen und sinken.
"Vielleicht wird man das Wrack zersägen und die Einzelteile bergen,
besonders wenn sonst der Schiffsverkehr gestört ist."
Quelle:www.pressetexte.com
